Überaktive Blase

Überaktive Blase und Dranginkontinenz

Schätzungsweise leiden mehrere Millionen Menschen an einer überaktiven Blase, im Volksmund auch Reizblase genannt. Die Prävalenz liegt für Frauen und Männer jeweils bei circa 17%, wobei die Wahrscheinlichkeit an einer überaktiven Blase/Dranginkontinenz zu leiden mit zunehmendem Alter steigt.

Bei der überaktiven Blase ist die Speicherfunktion der Blase gestört. Schon bei geringer Blasenfüllung wird ein überfallsartiger, imperativer Harndrang ausgelöst, der mit einem unwillkürlichen Urinverlust (Dranginkontinenz) verbunden sein kann. Hierfür werden unter anderem Nervenschädigungen, beispielsweise nach Operationen im kleinen Becken (z.B. am Enddarm oder Gebärmutter) und neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson- und Alzheimer-Krankheit oder ein nicht ausreichend behandelter Diabetes mellitus. Aber auch degenerative Veränderungen an der Blase selber können die Ursache sein. In vielen Fällen kann allerdings die Ursache nicht gefunden werden. Dann spricht man von einer idiopathischen überaktiven Blase bzw. Dranginkontinenz.

Die überaktive Blase hat häufig eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität der Betroffenen zur Folge. Das Leben wird quasi nach der Blase und der nächstverfügbaren Toilette ausgerichtet. Darüber hinaus kann es auch zu sozialer Isolation und Partnerschaftsproblemen mit nachfolgender Depression kommen. Vor allem bei älteren Patienten sind Stürze mit Verletzungen inklusive Frakturen auf dem übereilten Weg zur Toilette nicht selten. Diese können eine reduzierte Mobilität und möglicherwiese auch eine Heimeinweisung zur Folge haben.

Trotzt der zahlreichen negativen Folgen der überaktiven Blase wenden sich nur circa ein Drittel der Betroffenen an ihren Arzt. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Einerseits wird auch heute noch die Reizblase oftmals als Teil des typischen Alterungsprozesses angesehen und viele Betroffene sind der Meinung, dass „man einfach mit dem Problem leben muss“ und „eh nichts dagegen getan werden kann“. Auf der anderen Seite ist vor allem das Thema „Harninkontinenz“ auch heute noch gesellschaftlich stark tabuisiert. Zwar ist die Problematik in den zurückliegenden Jahren mehr in das öffentliche Bewusstsein getreten, dennoch wenden sich auch heut noch viele Betroffene aus Scham nicht an ihren Arzt.

Ein wesentliches Ziel der Diagnostik ist der Ausschluss anderer Erkrankungen, die ein ähnliches Beschwerdebild haben, wie z.B. Harnwegsinfektion, Blasentumor, Blasensenkung bei der Frau, Prostatavergrößerung, Blasensteine, tiefe Harnleitersteine und Nebenwirkung von Medikamenten (z.B. Diuretika).

Folgende Therapieoptionen stehen zur Verfügung:

Konservative Therapie

Grundlage der konservativen Therapie ist eine Verhaltenstherapie, dabei werden folgende Verhaltensänderungen empfohlen:

•          Mind. 2h vor dem Schlafengehen keine Flüssigkeitsaufnahme

•          Trinkmenge gleichmäßig über Tag verteilen

•          Reduktion der Trinkmenge (Reduktion um 25% senkt OAB-Symptome signifikant) bei erhöhter            Trinkmenge

•          Reizstoffe meiden (z.B. Nikotin, Pfeffer, Chili, scharfe Gewürze, Zitrusfrüchte)

•          Verstopfung meiden

 

Zusätzlich beinhaltet die Verhaltenstherapie ein Blasentraining. Hierbei sollen zu kurze Miktionsintervalle durch ein aktives Unterdrücken des Harndranges und aktives Hinauszögern des Wasserlassens verlängert werden.

Darüber hinaus kann mit Hilfe von Beckenbodentraining ggf. in Kombination mit Elektrostimulation eine Beckenbodenüberaktivität positiv beeinflusst werden und damit reflektorisch zu einer Linderung der Drangbeschwerden führen.

Medikamentöse und operative Therapieoptionen bei der Frau

Die lokale Östrogenisierung sollte fester Bestandteil der Therapie der überaktiven Blase bei Frauen sein, da durch diese nachweisbar Drangbeschwerden reduziert werden können.

Anticholinergika stellen den Hauptpfeiler der medikamentösen Therapie der überaktiven Blase mit und ohne Dranginkontinenz dar und werden zur medikamentösen Firstline-Therapie empfohlen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen der Anticholinergika zählen Mundtrockenheit, Verstopfung, Verschwommenes Sehen, Tachykardie, Augeninnendruckerhöhung und Übelkeit. Um die Wirkung einer anticholinergen Therapie suffizient beurteilen zu können, ist eine regelmäßige Einnahme über 4-6 Wochen notwendig. Bei nicht ausreichender Wirkung oder bei Auftreten von Nebenwirkungen wird eine Dosissteigerung bzw. ein Wechsel des Anticholinergikums empfohlen.

Neben Anicholinergika kann Mirabegron, ein sogenannter ß3-Adrenozeptoragonist, eingesetzt werden. Hierunter treten deutlich seltener Mundtrockenheit und Verstopfung auf.

Bei nicht zufriedenstellender Besserung der Beschwerden unter medikamentöser Therapie oder bei Auftreten von Nebenwirkungen wird als Secondline-Therapie die intravesikale Injektion von Botulinumtoxin A in den Detrusor vesicae (Blasenmuskel) empfohlen. Die Nebenwirkungen sind in der Regel minimal, teilweise kann es aber zu einer temporären Restharnbildung und dadurch zeitweise notwendig werdenden Einmalkatheterismus kommen. Die Erfolgsquote liegt bei bis zu 75% und die durchschnittliche Wirkdauer bei 6-9 Monaten. Der Wirkeintritt von Botox erfolgt innerhalb von 14 Tagen nach Injektion. Auch wiederholte Injektionen führen nicht zu einer Reduktion der Botox-Wirkung.

Bei Patienten mit therapieresistenter überaktiver Blase kann außerdem eine sakrale Neuromodulation (= Blasenschrittmacher) durchgeführt werden. Dafür werden Stimulationselektroden in die Sakralforamina S2-4 eingeführt. Im Rahmen einer Teststimulationsphase wird der Effekt getestet und bei Erfolg wird der permanente Neurostimulator implantiert. Dieses Verfahren wird allerdings nur an Spezialzentren durchgeführt.

Wird die überaktive Blase durch psychosomatische Faktoren verstärkt, kann der supportive Einsatz von Entspannungsübungen z.B. autogenem Training erwogen werden.

 

Pharmakotherapie beim Mann

Die Therapie der überaktiven Blase beim Mann ist analog zu der der Frau. Allerdings liegen beim Mann oftmals nicht nur Speicherprobleme (überaktive Blase) sondern aufgrund einer vergrößerten Prostata auch Entleerungsprobleme (sog. obstruktive Beschwerden) wie z.B. erschwerte Miktion, Harnstrahlabschwächung, Nachträufeln, Restharn bzw. Restharngefühl vor. Hier ist bei der Diagnostik besonders darauf zu achten.

Eine medikamentöse Therapie der überaktiven Blae mit Anticholinergika wird wie bei der Frau auch beim Mann empfohlen Allerdings sollten bei Männern unter anticholinerger Therapie regelmäßige Restharnkontrollen erfolgen, da dieser ggf. ansteigen könnte.

Darüber hinaus kann auch Mirabegron, Botulinumtoxin und die Neuromodulation bei Männern mit einer überaktiven Blase eingesetzt werden.

Eine Kombination von einem Anticholinergikum oder Mirabegron mit einem sogennanten Alphablocker ist bei zusätzlichen obstruktiven Beschwerden, wenn die Monotherapie nicht zu einer ausreichenden Besserung der Beschwerden führt, mit guten Ergebnissen möglich.