Harninkontinenz der Frau

Harninkontinenz der Frau

Jede fünfte Frau im Alter zwischen 25 und 75 Jahren und jede dritte Frau über 50 leidet an einer Harninkontinenz. Bemerkenswerterweise wenden sich aber nur ca. 30% der betroffenen Frauen – häufig aus Schamgefühl – mit ihrem Problem an einen Arzt, sodass von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden muss. Dabei verursacht die Harninkontinenz häufig nicht nur eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität, sondern auch Depressionen, soziale Isolation, Partnerschaftsprobleme und steigert darüber hinaus die Sturzgefahr vor allem älterer Patientinnen. In der Urogynäkologie sind vor allem die Belastungsinkontinenz, die Dranginkontinenz und die Mischinkontinenz von Bedeutung.

Belastungsinkontinenz der Frau

Typischerweise kommt es bei der Belastungsinkontinenz zu einem unwillkürlichen Urinverlust bei körperlicher Anstrengung. Eine Schwäche des Beckenbodens inklusive des Verschlussmechanismus der Harnröhre wird als ursächlich für die weibliche Belastungsinkontinenz angesehen. Zu den Risikofaktoren für eine Belastungsinkontinenz zählen zunehmendes Alter, Veränderungen des Gewebes in der Menopause, Übergewicht, chronische Verstopfung, Schwangerschaften und Geburten sowie Asthma bronchiale. Zunächst sollte immer eine konservative Therapie der Belastungsinkontinenz erfolgen. Nur in seltenen Fällen kann eine sofortige operative Therapie sinnvoll sein. Zur konservativen Therapie der Belastungsinkontinenz werden folgende Maßnahmen empfohlen

• Lokale Östrogentherapie bei postmenopausalen Frauen
• Gewichtsreduktion um >5% bei Adipositas
• Physiotherapie
• ggf. medikamentöse Therapie
• ggf. Einsatz von Pessaren und Tampons

Ziel der Physiotherapie ist einerseits die Stärkung der Beckenbodenmuskulatur und andererseits die Optimierung der Koordination der bewussten Beckenbodenkontraktionen bei drohendem Urinverlust. Die Effektivität des Beckenbodentrainings ist evidenzbasiert und konnte in zahlreichen Studien belegt werden. Beckenbodentraining sollte von erfahrenen Beckenbodentherapeuten angeleitet werden und über mindestens 3 Monate erfolgen. Durch die Kombination von Beckenbodentraining mit Elektrostimulation können ggf. bessere Ergebnisse erzielt werden als durch Beckenbodentraining alleine.

Zur medikamentösen Therapie kann Duloxetin, ein Serotonin-Noreadrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer, eingesetzt werden. In großen randomisierten und kontrollierten Studien zeigte Duloxetin eine Ansprechrate (definiert als subjektive Besserung der Belastungsinkontinenz) von 62%, verglichen mit Placebo (40%). Allerdings liegt die Effektivität unter „Alltagsbedingungen“ nur bei 37%. Zusätzlich kommt es häufig auf Grund von Nebenwirkungen (v.a. Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Verstopfung und Schwindel) zu Therapieabbrüchen. Nach Absetzen der Medikation kommt es wieder zu einer Verschlechterung der Inkontinenz, da durch Duloxetin keine Heilung, sondern nur Linderung der Beschwerden erzielt werden kann.

Pessare und Tampons können bei ausgewählten Patientinnen, etwa beim Vorliegen von Kontraindikationen für eine operative Therapie oder dem gezielten Einsatz in bestimmten Situationen wie z.B. Joggen eingesetzt werden.

Die operative Therapie der Belastungsinkontinenz sollte erst bei Versagen der konservativen Therapie erfolgen. Der Goldstandard sind dabei heute die minimal-invasiven, spannungsfreien Schlingen Die Erfolgsraten liegen zwischen 85-90% nach einem Jahr und bei etwa 75% nach fünf Jahren. Die Schlingen werden entweder retropubisch oder transobturatorisch implantiert. Als ultima ratio kann die Implantation eines künstlichen Schließmuskels erfolgen.

 

Dranginkontinenz

Überaktive Blase und Dranginkontinenz
Schätzungsweise leiden mehrere Millionen Menschen an einer überaktiven Blase, im Volksmund auch Reizblase genannt...

 

Mischinkontinenz

Bei Patientinnen, die an einer Mischinkontinenz leiden, empfiehlt sich eine Kombinationstherapie aus Therapieansätzen der Drang- und der Belastungsinkontinenz. Wobei versucht werden sollte vor einer operativen Therapie der Belastungsinkontinenz die Dranginkontinenz suffizient zu behandeln. Nach operativer Therapie der Belastungsinkontinenz kann sich allerdings die Drangkomponente postoperativ wieder verschlechtern.